Ich war meine gesamte Kindheit und Jugend abhängig. Ohne Nasenspray konnte ich einfach nicht schlafen. Kein Wunder: Ich hatte Asthma, eine schiefe Nasenscheidewand und ich war gegen so ziemlich alles allergisch. Ins Bett gehen ohne Nasenspray bedeutete mitten in der Nacht mit Pappfresse aufzuwachen. Nein, danke.
Wäre mein jugendliches Ich bei einem Insta-Zahnarzt aus 2026 gelandet – er hätte mir wahrscheinlich "Mouth Taping" empfohlen und ich wäre leise im Schlaf erstickt…
Was hat es also mit diesem Social-Media-Trend auf sich, bei dem sich selbstoptimierende Influencer nachts den Mund zukleben? Könnte das vielleicht doch ein sinnvolles Add-On für unser Behandlungsrepertoire sein? Ich habe den Trend für Dich unter die Lupe genommen, . 🕵🏼♂
Wieso ist Mundatmung überhaupt schlecht? Wenn wir nachts nicht durch die Nase atmen, trocknet die Mundschleimhaut aus – logisch. Und das kann indirekt die Kariesbildung fördern (2025). Außerdem gibt es eine starke Korrelation zwischen mundatmenden Kindern und Befunden wie Retrognathie, offenem Biss oder Kreuzbiss. Sogar verengte obere Atemwege wurden beobachtet (2021).
Rein anatomisch betrachtet macht das total Sinn. Stell's Dir einfach mal bildlich vor: Was passiert in Deinem Mund, wenn Du im Bett liegst und den Mund öffnest? Der Unterkiefer verlagert sich nach dorsal und die Zunge rutscht nach hinten. Dadurch steigt der Widerstand in den oberen Atemwegen und das begünstigt obstruktive Schlafapnoe (2003).
Genau das will Mouth-Taping verbessern – inklusive besserem Schlaf, weniger Mundtrockenheit, Karies und Schnarchen (2025). Aber wie viel Evidenz steckt überhaupt hinter diesen Behauptungen?
Du hast es Dir wahrscheinlich schon gedacht: Ziemlich wenig. Es gibt gerade mal 2 Pilotstudien, die eine Verbesserung von Schlafapnoe-Parametern gemessen haben. Beide schlossen ausschließlich Patient:innen mit milder obstruktiver Schlafapnoe und ohne Nasenobstruktion ein (2014, 2022). Eine weitere Studie konnte zwar bei Patient:innen mit moderater Mundatmung einen positiven Effekt durch Mouth Taping messen. Bei denen mit ausgeprägter Mundatmung verschlechterte sich die Ventilation aber deutlich (2024).
Wegen dieser heterogenen Effekte stuft die American Academy of Sleep Medicine die unkontrollierte Anwendung von Mouth Taping als „extremely dangerous" ein (2023).
Was bedeutet das für uns Zahnärzt:innen? Gerade unsere jüngeren Patient:innen sind leicht durch solche Social-Media-Trends beeinflussbar. Wenn Du etwas von Mouth Taping hörst, klär über mögliche Gefahren auf. Besonders bei Patient:innen mit chronischer Nasenobstruktion, schwerer obstruktiver Schlafapnoe oder Tonsillenhypertrophie. Kinder sollten erst recht die Finger vom Tape lassen.
Zeichen für Mundatmung müssen wir trotzdem ernstnehmen. Bei Kindern und Jugendlichen hat persistierende Mundatmung fast immer eine anatomische Ursache: Zum Beispiel hypertrophe Tonsillen. Und das muss dringend durch die HNO abgeklärt werden. Danach, falls nötig, KFO und zusätzlich orofaziale myofunktionelle Therapie. Bei Erwachsenen mit obstruktiver Schlafapnoe helfen Schlaflabor und Protrusionsschiene (2018).