Freitag, 26.06.2026: Fast überall in Deutschland sind es heute über 35 Grad. Und deswegen genau die richtige Zeit, um mit einem Mythos aufzuräumen: Dass bei diesen Temperaturen mehr Abszesse in die Praxis kommen.
Dabei klingt das irgendwie logisch, oder? Wärme, Bakterien, Eiter… Es gab für mich keinen Grund, diese typische Notdienst-Floskel von Hitze und Abszessen nicht zu glauben. Bis ich in die Literatur geschaut habe:
Mehrere Studien aus Deutschland und Österreich konnten keine Assoziation zwischen der Außentemperatur und dem Auftreten von odontogenen Abszessen feststellen. Eine dieser Studien konkludiert, der Zusammenhang "remains a myth". Eine andere titelt sogar mit "A dental myth bites the dust". (2015, 2015, 2020).
Aber nicht nur das, eine Studie beobachtete sogar genau das Gegenteil des eigentlichen Mythos: Dass es einen Zusammenhang zwischen Zahnabszessen und den Wintermonaten gäbe (2023).
Okay, Thema abgehakt, dachte ich. Wenn da nicht noch diese eine Veröffentlichung von der Charité von 2019 wäre… Die Autoren der Studie fanden tatsächlich einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von Zahnabszessen und der Außentemperatur. Allerdings sowohl bei hohen, als auch bei niedrigen Temperaturen.
(Fun fact: Einer der Autoren hatte 2015 noch an "A dental myth bites the dust" mitgeschrieben. 😇)
Physiologisch ist so ein Hitze-Einfluss nicht völlig abwegig. Hitze und Dehydratation senken den Speichelfluss – und weniger Speichel bedeutet theoretisch mehr Karies- und Pulpitisrisiko. Für andere Fachbereiche gibt es sogar recht deutliche Hinweise für den Einfluss von der Außentemperatur: Hautinfektionen wie Cellulitis treten saisonal stark gehäuft auf, mit deutlich mehr stationären Aufnahmen in den wärmeren Monaten (2017).
Klingt eigentlich überzeugend. Aber warum gilt das dann bei Zahnabszessen nicht? Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass die intraorale Umgebung von der Außentemperatur weitgehend entkoppelt ist. Unsere Körpertemperatur bleibt bei ca. 37 Grad, egal ob draußen ein Schneesturm oder eine Hitzewelle vorherrscht.
Bottom Line: Auch wenn der Mythos bisher nicht abschließend widerlegt werden konnte – es spricht mehr gegen einen solchen Zusammenhang als dafür.