08.10 Uhr. Ich höre das enthusiastische Pfeifen der Bohrer aus den Nachbarboxen. Überall um mich herum wird trepaniert oder Zugangskavitäten werden vergrößert. Mein Patient? Noch nicht da.
08.55 Uhr. Es ist ruhig im Behandlungssaal geworden. Hier und da werden Kommandos von gestressten Examenskandidat:innen an ihre Assistenz gezischt. Sonst nur das Schlürfen der kleinen Sauger. Mein Patient? Geht nichtmal ans Telefon. 🫣
09.45 Uhr. Ein Glück! Ein Neupatient mit V.a. irreversible Pulpitis an 25 ist gerade im Schmerzdienst aufgenommen worden. Ich soll ihn behandeln. Mein Herz schlägt mir zum Hals. Ich habe noch nie selbst einen Zahn trepaniert – zumindest keinen, der noch an einem lebenden Menschen hing. Egal, ich muss jetzt Zeit aufholen und es ist immerhin nur ein Kanal.
10.55 Uhr. Mein Patient stöhnt laut auf. Es würde auf einmal schrecklich brennen über dem Zahn. Er zeigt auf seine linke Wange. Sh*t. Nicht das noch:
Ausgerechnet am stressigsten Tag meines ganzen Examens hatte ich es geschafft, Hypo zu überpressen – in die Kieferhöhle… Auf Anweisung meines Assis hatte ich danach gründlich aspiriert und vorsichtig mit NaCl nachgespült. Die Wurzelkanalbehandlung? Erstmal vertagt…
Sind solche Spülunfälle mit Natriumhypochlorit leicht zu erkennen? Das Leitsymptom ist ein sofort einschießender, brennender Schmerz noch während der Spülung – und das trotz Anästhesie. Aus dem Wurzelkanal fängt es plötzlich an, stark zu bluten. Und es treten häufig eine ausgeprägte Schwellung und Bluterguss (= Ekchymose) im Bereich der Wange und der angrenzenden Weichteile auf (2017, 2024).
[Sonderfall: Landet das Hypo wie in meinem Fall im Sinus maxillaris, ist die Symptomatik meistens schwächer ausgeprägt: Statt starkem Schmerz, Schwellung und Bluterguss fühlen die Betroffenen eher ein Brennen im Sinus und ein kratzendes Gefühl im Rachen, weil die Spülflüssigkeit aus der Kieferhöhle langsam abfließen kann. Dabei kann es auch zu Nasenbluten kommen.]
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