Es ist ein stickiger Morgen im Sommer 2018. Ich bin im ersten Jahr meiner Fachzahnarztausbildung. Weisheitszahnentfernungen gehen mir zwar schon ganz gut von der Hand, aber bei sehr jungen Patienten wie dem 17-jährigen Lukas fühle ich mich immer noch ein bisschen befangen. Weil ich weiß, dass ich bei denen extra viel Ruhe ausstrahlen muss. Und dann Angst habe, dass ich es nicht tue. Umgekehrte Psychologie oder so. Lippe und Zunge sind taub als ich einen großzügigen Entlastungsschnitt regio 38 mache. Der Lappen lässt sich bei so jungen Patienten immer leicht vom Knochen ablösen. Dann setze ich marginal an der teilretinierten Krone des 8ers meinen Rosenbohrer an. Lukas stöhnt. Erst jetzt sehe ich, dass sein Gesicht so weiß ist wie das Lätzchen auf seiner Brust. Ihm sei schlecht, sagt er. Klar, denke ich: Lukas ist größer als ich (ich bin 1,83), aber wiegt keine 60 Kilo. Er habe nichts gefrühstückt. Also Tupfer raus, Dextro Energy rein, Oberkörper nach hinten. Er fühle sich immer noch nicht gut, sagt Lukas mit ängstlicher Stimme. Ich versuche ihn zu beruhigen, atme mit ihm gemeinsam ein und aus. Seine Augen beginnen zu flattern. Er dämmert weg. Auf meine Kommandos reagiert er nicht mehr und ich weiß mir nicht anders zu helfen, als ihm eine Ohrfeige zu geben. Zack, da ist er wieder. Aber nur Sekunden später wird er wieder ohnmächtig. Vor Lukas und den zwei Studierenden des 7. Semesters versuche ich ruhig zu bleiben. Aber meine Gedanken rasen. Hat Lukas gar keine vasovagale Synkope? Ich lasse den Rettungsdienst rufen. Fünf (-zehn?) zähe Minuten vergehen, in denen Lukas immer wieder ohnmächtig wird. Als die Rettungssanitäter ankommen, checken sie als allererstes… 🚑 |