| |  TOOTHLETTER Dein 5-Minuten-Wissens-Update aus der Zahnwelt | Inhalt | | | Toothletter Pro Mitglieder verdienen 2 CME-Punkte mit dieser Ausgabe 🎖️ | Hey!
Diese Woche gibt's ein super wichtiges Leitlinien-Update in Deinen Posteingang – und der Toothletter ist das erste Medium, das darüber schreibt. 😇
Hab noch eine gute Rest-Urlaubszeit! Dein Tilmann
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| | | | | | | Prall-elastische Schwellung der Unterlippe (Bild: TS) |
| Was ist Deine Verdachtsdiagnose? |
| Befund: Bläulich-livide, kuppelförmige Schwellung der Unterlippe mit oberflächlich hyperkeratotischer Mukosa
Fragestellung: Verdachtsdiagnose? Therapie? |
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| | | | | | Leitlinien Update: Antibiotika bei Abszessen? |
| Auf die Veröffentlichung dieser Leitlinie warte ich schon seit Jahren. Echt jetzt. Die letzte Version der S3-Leitlinie "Odontogene Infektionen" war schon abgelaufen, als ich gerade mit meiner Fachzahnarztausbildung fertig wurde – und das ist über 5 Jahre her.
Wieso ich es nicht abwarten konnte? Ich wollte unbedingt wissen, wie sich diese super praxisrelevante Leitlinie – es geht um Abszesse – zum Thema Antibiotika und vor allem Clindamycin positionieren würde. Aber was ich in dem neuen Update dazu gefunden habe, hätte ich so nicht erwartet.
[Eins vorweg: Odontogene Infektionen klingt sperrig – gemeint sind hier vor allem Abszesse und Infiltrate im zahnumgebenden Gewebe, nicht die klassische Endo-Infektion im Zahn selbst.]
Diese odontogenen Infektionen werden unterschieden in solche mit und ohne Ausbreitungstendenz. Hier sind die wichtigsten Zeichen, die auf so eine Ausbreitungstendenz hindeuten 👇🏼
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| - 🔴 Fieber
- 🔴 Atemnot
- 🔴 Kloßige Sprache
- 🔴 MÖ-Einschränkung
- 🔴 Schluckbeschwerden
- 🔴 Angehobener Mundboden
- 🔴 Eingeschränkte Zungenmobilität
- 🔴 Unterkieferrand nicht durchtastbar
- 🔴 Druckschmerz am Kieferwinkel oder Augenwinkel (V. angularis)
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Bei den meisten Logenabszessen besteht so eine Ausbreitungstendenz. Für uns Zahnärzt:innen ist dann in den meisten Fällen eine Überweisung an eine Fachklinik (mit stationärer Behandlungsmöglichkeit) die beste Handlungsempfehlung. Weil die potentiellen systemischen Komplikationen so schwerwiegend sind. Deswegen wird in diesen Fällen immer zusätzlich ein Antibiotikum gegeben.
Lokale odontogene Infektionen (z.B. Fossa Canina Abszess) sollen von uns Zahnärzten immer als erstes drainiert werden. Meine persönliche Empfehlung: möglichst Trep und Inz. Nur wenn dabei kein Eiter abfließt, kann laut der Leitlinie ein Antibiotikum in Erwägung gezogen werden – oder wenn relevante medizinische Risikofaktoren bestehen.
Und welches Antibiotikum? Klar, denkst du – Amoxi! Aber genau hier hat die neue Leitlinie sich geändert. Die Empfehlung der ersten Wahl ist jetzt Amoxicillin plus β-Lactamase-Inhibitor. Zum Beispiel Amoxcillin/Clavulansäure (Augmentan, AmoxiClav) – laut aktueller Fachinformation in der Standarddosis von 875/125 mg zweimal täglich. Nur wie gehen wir mit Patient:innen um, die eine Penicillinallergie haben?
Ich hatte so gehofft, dass die neue Leitlinie sich ganz von Clinda verabschieden würde. In Anlehnung an die neuen Empfehlungen bei der Endokarditis-Prophylaxe. Aber ich muss dich leider enttäuschen.
Die Empfehlung für vermeintliche Penicillin-Allergiker lautet: Zunächst mithilfe des PEN-FAST-Scores die Wahrscheinlicheit einer echten immunologisch relevanten Reaktion bestimmen. Nur in solchen begründeten Fällen sollte Clindamycin gegeben werden. Sobald aber ein mikrobiologischer Erregernachweis vorliegt, sollte möglichst früh auf eine gezielte Antibiotikatherapie gewechselt werden.
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| Nur für Nerds 🤓
Falls Du Dich jetzt fragst: "Wieso überhaupt noch Clinda?" – I feel you. Erst sind alle anti und jetzt wird's auf einmal wieder empfohlen? Das liegt daran, dass Antibiotika-Alternativen wie z.B. Azithromycin/Clarithromycin bei der Endokarditis-Prophylaxe keine anaeroben Bakterien abdecken müssen. Sie müssen hauptsächlich gegen orale Streptokokken wirksam sein. Bei Abszessen und Infiltraten ist das aber anders. Eine erwähnenswerte Alternative ist deshalb Cefazolin + Metronidazol. Good to know: Cefazolin weist eine < 1%ige Kreuzreaktionsrate bei anamnestisch angegebener Penicillinallergie auf. |
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Mein Take-away von dem Update: Bei drainierbaren lokalen Abszessen bleibt die chirurgische Entlastung die Therapie – nicht das Antibiotikum. Wenn wir eins brauchen, ist Amoxicillin/Clavulansäure jetzt die erste Wahl. Und bei vermeintlicher Penicillinallergie sollte nicht mehr reflexartig Clinda verschrieben werden: erst Allergiewahrscheinlichkeit mit dem PEN-FAST Score testen, dann entscheiden.
[Mehr zum PEN-FAST Score in der Weiterlesen-Rubrik.] |
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| | | | | | | | Erfunden in Deutschland: Die Zahn-Organ-Karte |
| "Was dir 99% der Zahnärzte NICHT über deine Zähne erzählen" – so titelt eine Zahnfluencerin auf Instagram, um ihr Buch zu vermarkten.
Auf Social Media werden vermeintlich geheime Erkenntnisse genutzt, um Patient:innen wissenschaftlich fragwürdige Konzepte als überlegenes Wissen zu verkaufen. Wissen, das die Schulmedizin angeblich verschweigt. Wissen, das Du, , Deinen Patienten vorenthältst.
Konkret geht es hier um die Zahn-Organ-Karte: Bestimmte Zähne sollen über einen sogenannten Meridian mit einem Organ verknüpft sein. Der Eckzahn mit Leber und Gallenblase, die Schneidezähne mit Niere und Blase. Ein "Störfeld" an so einem Zahn soll dann Symptome an dem jeweiligen zugeordneten Organ verursachen.
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| | | Abb.: Reinhold Voll, Interrelations of Odontons & Tonsils to Organs, Fields of Disturbance, & Tissue Systems, 1978, S. 111, Fig. 1: „Odontons and corresponding organ pairs“. |
| Aber woher stammt diese Karte überhaupt? Aus der jahrtausendealten traditionellen chinesischen Medizin? Denkste! Die TCM kennt zwar Meridiane und Beziehungen zwischen bestimmten Körperfunktionen und Organen, aber keine Tabelle, die einzelne Zähne bestimmten Organpaaren zuweist. Stattdessen entstand diese konkrete Systematik im Deutschland des 20. Jahrhunderts: Der Mediziner Reinhold Voll entwickelte sein eigenes Elektroakupunktur-Verfahren (EAV), das den elektrischen Hautwiderstand an vermuteten Akupunkturpunkten misst. Gemeinsam mit dem Zahnarzt Fritz Kramer übertrug Voll dieses System anschließend auf Zähne und Kieferregionen.
Der von Voll 1956 gegründete Verein "Medizinische Gesellschaft für System- und Regulationstherapie – EAV" schreibt auf seiner Website, Voll habe diese Wechselbeziehungen durch jahrelange EAV-Testung entdeckt. Eine unabhängige wissenschaftliche Herleitung oder Validierung ist allerdings nicht dokumentiert. Im Gegenteil, Kramer erklärte 1989 in einem Vortrag den Ursprung seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse so:
"A number of electro-acupuncturists (doctors and dentists) have worked together, measuring many patients. It is beyond the scope of this paper to explain the measuring technique exactly, although it is really interesting."
Kramer beschreibt dabei keine kontrollierte Validierungsstudie, sondern das gemeinsame Vermessen vieler Patienten. Seine Experimente brachten ihn auch zu der Überzeugung, dass Karies durch Darmstörungen entstünde. Und den verlagerten unteren 8er seiner Frau entfernte er, nachdem er via EAV herausgefunden hatte, dass er verantwortlich für ihre Darmprobleme war.
Für die konkreten Zahn-Organ-Zuordnungen gibt es bis heute keine belastbare klinische Validierung. Das EAV-Messprinzip selbst wurde allerdings getestet: 1990 untersuchten Forscher verblindet 37 Herzpatienten und 13 Gesunde an den von Voll definierten Messpunkten. Die EAV konnte kranke von gesunden Herzstrukturen praktisch nicht unterscheiden.
Heißt das, Mund und Körper hätten nichts miteinander zu tun? Im Gegenteil. Parodontitis und Diabetes beeinflussen sich wechselseitig, orale Bakterien können Bakteriämien auslösen, odontogene Infektionen können sich anatomisch ausbreiten. Das ist reale Medizin. Was ich aber für gefährlich halte, ist: Wenn gesunde oder suffizient wurzelkanalbehandelte Zähne ohne ausreichende wissenschaftliche Grundlage verantwortlich gemacht werden für andere körperliche Leiden. Und im schlimmsten Fall sogar deswegen gezogen werden.
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| | Der Autor | | | | | | |
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| Hey, ich bin Tilmann und ich bin FZA für Oralchirurgie aus Berlin. Seit Januar 2024 gebe ich jeden zweiten Freitag den Toothletter heraus – den Newsletter, den ich selbst gebraucht hätte, als ich 9 Stunden am Tag in der Praxis stand und keine Zeit für Leitlinien hatte.
Meine Mission: Ich will möglichst viele Zahnärzt:innen im Praxisalltag mit einfach zugänglichem Wissen unterstützen. Dabei ist mir wichtig, dass der Toothletter immer transparent und unabhängig ist. |
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Dr. Tilmann Seifert 10967 Berlin-Kreuzberg Deutschland Die in diesem Newsletter bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich der fachlichen Fortbildung von Zahnärzt:innen. Sie ersetzen nicht die persönliche professionelle Urteilsbildung und Entscheidungsfindung im Einzelfall. Es liegt in der Verantwortung der Behandelnden, die Aktualität, Korrektheit, Vollständigkeit oder Qualität der bereitgestellten Informationen zu überprüfen. Impressum | Datenschutz | | |
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