Dass Remineralisation real ist, habe ich schon einmal unfreiwillig an mir selbst getestet:
Mit 30 Jahren ist mir im Spiegel mit dem Handylicht eine opak durchschimmernde Stelle an 22 mesial aufgefallen. Ich war wirklich schockiert: Eine initiale Frontzahnkaries? Bei mir selbst?! ALS ZAHNARZT? 🫣
Nach drei Metern Zahnseide und ein paar Wochen elmex gelee war nichts mehr zu sehen. Puh!
Dass Fluorid Initialkaries remineralisieren kann, ist gut belegt. Ein neues Produkt namens Curodont Repair verspricht aber, noch einen Schritt weiterzugehen:
Es enthält P11-4, ein selbstorganisierendes Peptid, das in den porösen Läsionskörper unter der Schmelzoberfläche diffundieren und sich dort zu einem Fasergerüst zusammenlagern soll. Dieses Gerüst bindet Calcium und Phosphat und dient als Kristallisationskeim für neues Apatit (2018).
Der Unterschied liegt also im Ansatz: Fluorid fördert die Remineralisation vorhandener Schmelzkristalle. P11-4 soll dagegen innerhalb der Läsion ein Gerüst bilden, an dem neues Apatit entstehen kann.
Klingt cool. Aber bringt das klinisch mehr als Fluorid allein?
In Untersuchungen wurde gemessen, ob der DIAGNOdent-Wert sinkt oder die weißen Verfärbungen bei Initialkaries heller werden. Und genau bei diesen Parametern schnitt P11-4 in einer Meta-Analyse im Vergleich zu Fluoridlack besser ab. Bei den klinisch relevanteren ICDAS-/Aktivitäts-Scores zeigte sich dagegen kein statistisch signifikanter Vorteil. Die Evidenz stuften die Autor:innen durchweg als sehr niedrig ein – sechs von sieben Studien waren zumindest teilweise herstellerfinanziert (2021).
Eine andere Meta-Analyse fand dagegen ein deutlich positiveres Ergebnis: Über mehrere Studien hinweg wurden Initialkariesläsionen unter Curodont Repair häufiger inaktiv als in den Kontrollgruppen (2023). Und bei Vorschulkindern mit hohem Kariesrisiko kamen unter Curodont Repair Fluoride Plus mehr Läsionen zum Stillstand als nur unter Fluoridlack (2025). Ob P11-4 dadurch langfristig auch Kavitationen verhindert, ist bislang allerdings nicht statistisch gesichert.
Und wie sieht es in Studien ohne Herstellerfinanzierung aus? Beim DIAGNOdent-Wert lag Curodont Repair Fluoride Plus vor Fluoridlack ohne P11-4 (2024). Bei der klinischen Beurteilung der Läsionen nach ICDAS zeigte sich nach einem Jahr dagegen kein statistisch gesicherter Vorteil gegenüber Fluoridlack (2023). Und in einer dritten Studie verbesserten sich die White-Spot-Läsionen unter zwei fluoridbasierten Verfahren sogar stärker als unter P11-4. (2025).
Was sagst Du Patient:innen, die nach dem Produkt fragen? Der Hersteller wirbt mit "Guided Enamel Regeneration“ und einer "clinically proven superior efficacy to fluoride varnish“. Für diese Überlegenheit ist mir die Evidenz bisher zu dünn: Dass P11-4 Remineralisation fördern und Initialläsionen arretieren kann, dafür gibt es klinische Hinweise. Dass es Fluorid klinisch relevant überlegen ist, ist bisher aber nicht gesichert.
Bottom Line: Der Mechanismus von Curodont ist also durchaus vielversprechend, aber der Zusatznutzen gegenüber Fluorid ist noch nicht geklärt. Als zusätzliche Option bei Initialkaries kannst Du es anbieten – als erwiesenes „Upgrade“ zur Fluoridtherapie würde ich es bisher nicht verkaufen.