Wegen dieses einen Moments habe ich bis heute ein schlechtes Gewissen…
Eigentlich war Herr Krüger* der höflichste Patient, den ich je erlebt hatte.
Meine ZFA Nathalie* und ich waren total baff, wie gut die Umgangsformen dieses Mannes waren:
Jedes Mal, wenn ich ins Zimmer kam, stand er vom Behandlungsstuhl auf, um mich zu begrüßen. Er machte sogar Anstalten, mir oder Nathalie die Tür aufzuhalten. Er war wirklich noch von der alten Schule.
Als ich an diesem einen Freitagmorgen die Nähte bei ihm entfernt hatte und mich verabschieden wollte, sah ich etwas, das mich sprachlos machte:
Herr Krüger versuchte gerade hinter meinem Rücken, Nathalie einen 10-Euro-Schein in den Ausschnitt ihres Kasacks zu stecken.
Und ich – blieb sprachlos… Ich habe einfach nichts gemacht.
I know, I know, wie konntest Du nur, Tilmann?! Aber lass mich Dir etwas mehr Kontext geben:
Kurz vor dem Termin hatte Nathalie noch gesagt, dass sie sich schon auf "unseren süßen Opi" freuen würde. Herr Krüger war nämlich nicht nur sprichwörtlich von der alten Schule.
Er war 94 Jahre alt.
Und Nathalie war taff. Sie lehnte das Geld höflich und bestimmt ab. Sie brauchte mich dafür nicht. Trotzdem sehe ich mich als behandelnder Arzt in der Verantwortung, dass gewisse Spielregeln im Behandlungszimmer eingehalten werden.
Ich hätte für sie einstehen müssen. Wissentlich, dass wir das Weltbild eines 94-jährigen nicht verändern würden. Aber Grenzen im Arzt-Patientenverhältnis sind enorm wichtig.
Mindestens genauso wichtig ist das Vertrauensverhältnis zwischen Dir und der einen Person, die Dir den ganzen Tag den Rücken freihält.
Vielleicht bedankst Du Dich ja heute bei dieser Person und sagst ihr, dass Du froh bist, sie zu haben. 💚
*Namen geändert