Ausgerechnet am Tag vor Heiligabend musste ich Herrn Schmitz* sagen, dass er sich dringend in der MKG-Ambulanz vorstellen solle. Der Befund sähe nicht gut aus.
Patienten mit so schwerwiegenden Befunden werde ich wahrscheinlich nie vergessen – so häufig diagnostiziert man als Zahnarzt schließlich kein Plattenepithelkarzinom.
Was aber häufiger vorkommt, ist die Behandlung von Patient:innen vor, während oder nach der Tumortherapie (Chemo oder Radiatio).
Ein Toothletter Pro Mitglied hat mir dazu 3 konkrete Fragen gestellt:
1. Wofür sind Strahlenschutzschienen und wie werden sie hergestellt?
Diese speziellen Schienen (Syn.: Schleimhautretraktor) sind nur für Patient:innen, die Metallrestaurationen haben. Wieso? Eine Goldkrone kann die Dosis an der anliegenden Schleimhaut durch Streustrahlung verdoppeln (2009). Diese Sekundär-Elektronen aus Metall haben aber nur eine Reichweite von etwa 3 Millimetern. Deswegen sollte so eine Schiene 3-5 mm stark sein (2021).
Strahlenschutzschienen können im Tiefziehverfahren hergestellt werden (z.B. Erkoflex oder Miniplast). Die Schiene liegt eng an den Zähnen an und wird bei jeder Bestrahlungssitzung getragen.
2. Was sind Fluoridierungsschienen?
Bei diesen Tiefziehschienen ist die Stärke nicht entscheidend, dafür aber die Ausdehnung: Sie sollten etwa 3 mm über den Gingivarand hinausragen (2001). Fluoridierungsschienen dienen der Prophylaxe von Strahlenkaries. Dafür werden sie mit Fluoridgel (z.B. Elmex gelée) befüllt und Abends vor dem Schlafengehen für 5-15 Minuten getragen. Die Fluoridierung sollte auch nach der Bestrahlung weiter erfolgen (2019).
Achtung: Schienen nicht verwechseln! Wird die Fluoridierungsschiene während der Bestrahlungssitzung getragen, wird das umliegende Gewebe nicht ausreichend geschützt.
3. Wie kannst Du als Zahnärztin oder Zahnarzt solchen Patienten am besten helfen?
Während Chemo oder Bestrahlung leiden Patienten häufig stark unter Mukositis. Die Beschwerden können mit Pantothensäure-Lösung, Kamillosan oder Oberflächenanästhetika symptomatisch behandelt werden (hier ist die Rezeptur einer Spüllösung der Uni Heidelberg). Sowohl bei Zahncreme, als auch Mundspüllösungen gilt: Menthol- bzw. alkoholfrei und möglichst mild!
Durch irreversible Schäden an den Speicheldrüsen kommt es bei bestrahlten Patient:innen außerdem zu verminderter Speichelproduktion (Hyposalivation) bzw. Mundtrockenheit (Xerostomie). Auch die kann leider nur symptomatisch mit Speichelersatzmitteln behandelt werden (z.B. Aldiamed Mundspray). Mundtrockenheit kann die Ausbildung opportunistischer Candida-Infektionen begünstigen. In diesem Fall wird mit Ampho-Moronal behandelt.
Achtung: Wenn die Kaumuskulatur im Bestrahlungsvolumen liegt → tägliche Mundöffnungsübungen gegen Trismus verschreiben!
Nach der Bestrahlung beginnt die lebenslange Nachsorge: In den ersten 12 Monaten alle 3 Monate, danach mindestens halbjährlich. Bei chirurgischen Eingriffen immer an die Antibiotikaprophylaxe (mindestens 24h vorher), atraumatisches Vorgehen und primäre plastische Deckung denken.