Mundtrockenheit
ft. Prof. Andreas Filippi
Mundtrockenheit ist kein Randphänomen: Sie betrifft Millionen Patient:innen und ist für die Zahnmedizin hochrelevant. Prof. Andreas Filippi hat sich für dieses Interview Zeit genommen und 5 Fragen aus dem Praxisalltag beantwortet.
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Was sind die besten Tipps für Zahnärzt:innen, um Mundtrockenheit festzustellen?
Eins vorweg – wir reden hier über 2 unterschiedliche Entitäten: Im Studium hast Du gelernt, dass Mundtrockenheit gleich Xerostomie ist. Das ist aber bloß eine Variante, und zwar die subjektiv empfundene Mundtrockenheit. Die andere Variante ist die objektive Mundtrockenheit (= Hyposalivation). In diesem Beitrag wird das Wort Mundtrockenheit synonym für Hyposalivation benutzt.
Nur wie unterscheidest Du das? Hier sind 4 gute Tipps, um eine (objektive) Mundtrockenheit zu erkennen:
- Schaumiger Speichel
- Plaque am Gaumen oder Zungenrücken
- Spiegel bleibt bei der Untersuchung an Wange oder Zunge kleben
- Veränderung der Zunge bei länger anhaltender Mundtrockenheit → glänzender / papillenarmer Zungenrücken oder Lobulierung
Als Hilfe zur systematischen Untersuchung auf Mundtrockenheit kannst Du Dich an diesem Fragebogen entlanghangeln (Clinical Oral Dryness Score).
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Der 60-Sekunden-Lippentest
Eine ausreichende Hydratation kannst Du übrigens super schnell messen – auch bei Dir selbst. Dafür klappst Du einfach die Unterlippe um, trocknest sie mit einer Watterolle und wartest 60 Sekunden ab. Wenn sich dort in dieser Zeit sichtbare Speicheltröpfchen gebildet haben, dann hat der Patient (oder Du) heute genug getrunken.
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Was sind die häufigsten Ursachen für Mundtrockenheit?
Es gibt sowohl Grunderkrankungen als auch Medikamente, die Mundtrockenheit auslösen können (am schwierigsten wird es, wenn beides zusammenkommt).
Krankheiten wie z.B. Diabetes mellitus Typ I oder Schilddrüsenunterfunktion beeinträchtigen direkt die Speichelfließrate. Rheumatologische chronisch-entzündliche Erkrankungen treten häufig zusammen mit Sjögren (= Sicca Syndrom) auf. Bei diesen Patient:innen sind besonders die Speicheldrüsen und die Tränendrüsen betroffen.
Medikamente, die besonders stark mit Mundtrockenheit assoziiert werden, sind sog. anticholinerge Medikamente. Dazu gehören unter anderem trizyklische Antidepressiva (z.B. Amitriptylin), Parkinson-Therapeutika wie Biperiden, Antipsychotika wie Quetiapin oder Arzneimittel gegen Übelkeit wie Dimenhydrinat. Auch Chemotherapeutika können Mundtrockenheit begünstigen.
Wir Zahnärzt:innen dürfen natürlich nicht eigenmächtig in diese Medikationen eingreifen. Was wir aber tun können – und sollten – ist, dass wir mit den verschreibenden Ärzt:innen sprechen. Wir können unseren Patienten nämlich helfen, wenn
- gegebenenfalls die Dosis reduziert werden kann oder
- das Medikament – falls möglich – gewechselt wird oder
- der Einnahmezeitpunkt von abends auf morgens oder mittags verlegt werden kann (weil: Einnahme am Abend führt zu unangenehmer Mundtrockenheit in der Nacht: Die Patienten wachen dadurch häufig auf).
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Leidensdruck betonen
Betone in solchen Gesprächen den Leidensdruck des gemeinsamen Patienten – dann reagieren die jeweiligen Ärzt:innen besser auf die zahnärztliche Empfehlung … 😇
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Welche Probleme werden von Mundtrockenheit verursacht?
Im Studium mussten wir alle mal die Funktionen des Speichels auswendig lernen. Aber was passiert, wenn die ausbleiben, weil kein Speichel mehr da ist? Klar: Karies. Besonders an den Stellen, wo sie normalerweise eher selten auftritt – an Glattflächen und Zahnhälsen. Und das sogar schon nach kurzem Bestehen der Mundtrockenheit.
Was auch häufig auftritt, sind Pilz-Infektionen. Zum Beispiel am Gaumen und/oder Zungenrücken. Außerdem gleiten Zunge und Wangenschleimhaut nicht mehr so gut an den Zähnen oder am Zahnersatz entlang. Deswegen kommt es viel häufiger zu kleinen Verletzungen an der Schleimhaut.
Die betroffenen Patient:innen selbst haben Probleme beim Sprechen und beim Schlucken. Sie müssen beim Essen ständig etwas trinken, damit sie überhaupt etwas herunterbekommen. Deshalb ernähren sie sich häufig nur noch von leichten, kohlenhydratreichen Mahlzeiten, die leicht zu schlucken sind (und das verstärkt wieder den ersten Punkt: Karies).
Das aus zahnärztlicher Sicht oft herausforderndste Symptom ist das Mund-Zungen-Brennen (Burning Mouth Syndrome). Die sekundäre Form hat immer eine Ursache. Zum Beispiel Mundtrockenheit, aber auch Korrosion oder Pilzinfektion. Bei der primären Form gibt es hingegen gar keine erkennbare Ursache für das Brennen. Hier kann es helfen, mit Capsaicin die Symptome zu lindern. Wie das funktioniert?
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Capsaicin-Spülung selbst gemacht
10 Tropfen Tabasco in 0,2 l Wasser verdünnen und damit den Mund mehrere Minuten lang ausspülen (nicht schlucken). Über mehrere Wochen wird die Dosis langsam erhöht. Diese Therapie muss dauerhaft durchgeführt werden.
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Welche Strategien und Verhaltenstipps helfen wirklich gegen Mundtrockenheit?
Ernährungsberatung ist das Wichtigste, was Du tun kannst. Die offensichtlichste Empfehlung ist, mehr Wasser zu trinken. Klingt banal, aber ältere Patient:innen verlieren häufig das Durstgefühl. Außerdem sollten sie weniger Kaffee trinken und Wohnräume aber auch Arbeitsplätze sollten nicht zu trockene Luft haben. Liegt vielleicht auch eine obstruktive Schlafapnoe vor? Dafür gibt's Therapiemöglichkeiten (aber bitte kein Mouth-Taping).
Eine Maßnahme bringt in der Regel viel: Das Kauen selbst. Der Mensch kaut im Rahmen der Nahrungsaufnahme etwa 1 Stunde pro Tag. In dieser Stunde produziert er etwa 10-mal so viel Speichel wie in den restlichen 23 Stunden zusammen. Deshalb solltest Du „kauzwingende Nahrung" empfehlen – Vollkorn, Rohkost, Gemüse. Oder zuckerfreie Kaugummis – am besten solche mit Muzinen und Zellulose.
Auch Ölziehen hilft manchen Patient:innen mit Mundtrockenheit, um die Symptome zu lindern. Öl bildet einen dünnen Film auf der Schleimhaut und macht sie geschmeidiger. Was Du dagegen möglichst nicht empfehlen solltest, sind säurehaltige Präparate zur Speichelstimulation. Zumindest nicht bei Bezahnten.
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Die Wangen-Massage
Die Handflächen bei geschlossenem Mund auf die Wangen legen, dann vor und zurück bewegen. Unter der Zunge bildet sich sofort ein kleiner Speichelsee. Das kann mehrfach täglich gemacht werden und funktioniert bei allen Patient:innen, bei denen die Parotis noch aktiv ist.
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Worauf kommt es bei Speichelersatzmitteln an?
Für die Auswahl des richtigen Produkts ist der Zahnstatus entscheidend. Wieso? Die meisten Speichelersatzmittel haben einen viel zu niedrigen pH-Wert. Bei bezahnten Patient:innen ist die Produktwahl deshalb deutlich stärker eingeschränkt als bei zahnlosen Patient:innen.
Worauf Du bei der Wahl des richtigen Präparats sonst noch achten solltest:
- Muzine und Zellulose sind wichtige Inhaltsstoffe, die die Oberflächenspannung von Wasser senken. Wasser alleine hat nämlich eine so hohe Oberflächenspannung, dass der Benetzungseffekt auf der Mundschleimhaut nur wenige Sekunden anhält. Mit Muzinen und Zellulose haftet die Flüssigkeit deutlich länger an der Mundschleimhaut.
- Konsistenz des Präparats dem Schweregrad anpassen: Bei sehr starker Mundtrockenheit werden gelförmige Speichelersatzprodukte als angenehmer empfunden (haften länger an der Schleimhaut). Wenn der Mund nicht ganz so trocken ist, kommen flüssige Speichelersatzprodukte besser an.
- Geschmack ist nicht egal. Bei Mundtrockenheit verändert sich der Geschmackssinn. Menthol zum Beispiel mögen viele dieser Patient:innen plötzlich gar nicht mehr, weil es auf der trockenen Schleimhaut brennt. Lass sie erst probieren, bevor Du Großpackungen empfiehlst.
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pH-Wert nachschlagen
Wenn der pH-Wert des Speichelersatzmittels nicht auf der Packung steht, findest Du ihn fast immer auf der Herstellerwebsite.
Konkrete Produktempfehlungen wurden bewusst von Herrn Prof. Filippi und mir zurückgehalten.
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